„Und Du kannst Hunde erziehen? – Wo du doch so weich bist!“, sagte er. Ich antwortete mit einem Sekundenvortrag über den Zusammenhang von Beziehungsebenen und Emotionalität. Im weitesten Sinne hätte hier noch der Aspekt Liebe mit einfließen müssen. Wenn es die „Liebe“ erfordert, kann ich auch „hart“ sein zu meinen Tieren. „Hart“ im Sinne von konsequent.  Gerade meine Deutsche Schäferhündin Jenny hat mich gelehrt, über eigene gesteckte Vorstellungen, wie Hundehaltung für mich sein muss, hinauszugehen. Jenny lehrte mich knallhart Klarheit, Direktheit, weil sie mit wabbeligen „Vielleicht’s“ überhaupt nicht umgehen kann und sie sich gezwungen sieht, immer und immer wieder ein solches Nein zu hinterfragen. Dadurch gerät sie für diese und ähnliche Situationen in enormen Stress, was wiederum ihr nicht gut tut, auch mir nicht. Uns. Bei Josephine kann ich wabbelig, weich, rosarot sein – es tut nix mit ihr oder ihrem Verhalten. Freunde hatten mich immer belächelt und meine Einstellung mit „dein Goldlöckchen Josephine“ quittiert. Jedem so wie er es braucht, das ist für mich auch ein Aspekt von Liebe.

Entsponnen hatte sich die einleitende Frage, weil heute die Kastration meiner Katze Jumi ansteht und gleichzeitig ihre beiden Babys Jacko und Jacky in ihr neues Zuhause ziehen sollten. Ich erzählte von meinen Gedanken, von der Schwere und Tragweite der Entscheidungen, die ich treffen musste. Wie tief ich emotional mit den Tieren verbunden bin, für die ich mich einmal entschieden hab, erlebe ich heute. Und die Tage vorher. Schluchzend und weinend wie meine Katze während der Autofahrt zum Tierarzt, stand ich vor der Tierarzthelferin. Ich fühlte, was meine Katze fühlte, fühlen würde. Es wird ihr Schmerz und Leid, eine Amputation, von Menschen inszeniert, „angetan“. Sie ist unter wildfremden Menschen und hat keine Ahnung, dass es nur für ein Wimpernschlag der Zeit ist. Sie kann das nicht wissen. Welche Angst muss sie haben?! Tagelang wird sie mit der Wunde zu kämpfen haben und sie wird niemals wissen, warum ich ihr das angetan hab. Denn ich war es, die sie in die Box sperrte und zu diesen Menschen gab, die einen heilen Körper für einen Moment kaputtmachen.

So wichtig eine Kastration gerade auch bei Katzen sein mag, so emotional verstörend ist sie auch. Alle Welt geht inzwischen von Gefühlen bei Tieren aus, warum hat dann die emotionale Ebene des Tieres kein Gewicht? Warum wird das übergangen? Warum wird sich nur dem Technischen gewidmet? Warum gibt es zwar hochmoderne Technik im Weltall, aber keine dauerhaft wirkende „Kastrationspille“ für unsere Haustiere? – Weil zwar alle Welt weiss, dass Tiere Emotionen haben, sich auf der Praxisebene und dann, wenn es dem Menschen in den Kram passt, niemand Gedanken um die Gefühle des jeweiligen Tieres macht. Es ist ja „nur eine Kastration“.

Jumi ist eine wundervolle Mutter. Sie ließ mich teilhaben an der Geburt. Ich war dabei, als das erste Baby „Jacko“ herausplumste und alsbald das zweite. „Jacky“. Nein, ich bin nicht gefühlsduselig. Das ist nichts, was bei mir „Bindung“ erzeugt. Vielmehr hat Jumi mir gezeigt, was enge familiäre, fürsorgliche, liebevolle und erzieherische Bande sind. Noch jetzt dürfen die Babys bei ihr trinken. Ich glaube, es ist weniger das Trinken als die Festigung der familiären Gemeinschaft. Sie brachten ihren Kinder Mäuse, sie tobt mit ihnen im Garten, zeigt ihnen wie sie die Bäume erklettern und den Dachboden erobern. All das, was Jumi selbst ausmacht, vermittelt sie ihren Kindern. Ich bin von dieser Gemeinschaft immer und immer wieder berührt. Und dann blitzt da das drohend Schwert der Trennung auf. Ich soll die Familie auseinanderreißen, gewaltsam. Ich kann ja eine behalten für Jumi, heißt es. Doch berücksichtigt es nicht, was die Geschwister füreinander sind.  Jeder einzelne in diesem Clan hat seine Berechtigung, seine Funktion, seine emotionale Bedeutung für den anderen.

Gerade auch diese Unbeschwertheit, Fröhlichkeit, Leichtigkeit des Lebens macht diese Katzenfamilie aus. Ich muss mich nicht einmischen. Ich muss nicht erziehen. Ich kann einfach nur teilhaben am Glück des Clans. Es ist nicht die Liebe zu diesen Katzenkindern oder ein „ach die sind so niedlich“, es ist das offenbare Glück aller Drei zueinander in dieser Lebenssituation, die es mir so schwer macht, sie auseinanderzureißen, es zu zerstören. Es fühlt sich für mich wie seelische Grausamkeit an. Und das bin ich nicht.

Ich habe so viele unzählige Pflegetiere in neue Familien gebracht, doch diese Gefühle sind neu. Und ich glaube, die Ursache ist „Liebe“, die tiefe emotionale Verbindung zu meiner Katze Jumi. Eine „Liebe“, die bereit ist, für ihr Heil auch Verantwortung für das Glück und Wohlergehen ihrer engen Beziehungspartner zu tragen und deren emotionale Beziehungen untereinander.

Ich kenne zerstörte Familien. Ich kenne Desinteresse innerhalb von Lebensgemeinschaften und Beziehungspartnern. Ich kenne Oberflächlichkeit, Konkurrenzverhalten, Heuchelei, sogar Ablehnungen und Intrigen und Machtkämpfe.

Jumi und ihre Kinder jedoch zeigen mir tagtäglich neu, was Familie auch sein kann: Ein enges, unerschütterliches, liebevolles Miteinander, in dem jeder das sein darf, was er ist. Und ich denke, das Teilhaben daran, das Erleben und Beobachten, ist eine wertvolle Erfahrung und macht auch mich ein bisschen zu einem „besseren“ Menschen.

Eure Claudia